Bernd Harder wirft einen kritischen Blick auf den 2012-Hype.
"Mit dem Weltuntergang kann man Geld verdienen. Mit dem Fortbestand unserer Erde anscheinend nicht."
Dieser Tage habe ich dem Betreiber einer christlichen Webseite eine Wette über 1000 Euro angeboten. Ich bin sicher, dass seine Voraussagen (eine göttliche "Warnung" noch in 2011 und "Drangsal" bis Ende 2012) nicht eintreffen werden. Immerhin habe ich eine freundliche Antwort bekommen: "Seien Sie mir nicht böse, aber wetten soll man nicht, es geht hier um sehr wichtige Dinge. Sie werden sehen: Bis Ende nächsten Jahres hat sich Einiges ereignet." Nun ja, klar hat sich bis Ende nächsten Jahres Einiges ereignet. Die Fußball-EM zum Beispiel.
Und böse bin ich natürlich auch nicht. Nicht mal überrascht. Keiner der "2012"-Propheten hätte die Wette angenommen. Und warum auch? Mag sein, dass unser Fundamentalchrist sich tatsächlich in der Vorverhandlung zum Jüngsten Gerichts wähnt - dann ist er zwar verblendet, aber integer.
Die meisten Schwarten der Drangsal indessen sind gut konsumierbare Produkte aus dem spirituellen Supermarkt. Endzeit- Synopsen fürs schnelle Geschäft. Wäre es anders, warum werden diese Bücher dann nicht gratis verteilt? Wieso ziehen die Autoren keine praktischen Konsequenzen aus ihrer Katastrophenlyrik und verlegen ihren Sitz etwa nach Bugarach, jenem Pyrenäen-Dorf, das von der Apokalypse verschont bleiben soll?
Zugegeben: Es endet mal wieder an allen Ecken. Selbst der Focus tastet sich von EHEC-Ausbrüchen über die Finanzkrise bis zum kollektiven Abgesang auf Vater Staat und Mutter Erde vor: "Die Krisologie nährt ihre Jünger. Nirgends aber ist eine Überschrift in Sicht, die all das sinkende Sein in den Begriff brächte." Letzteres ist falsch.
Die magische Chiffre lautet "2012". An diesen vier Ziffern krallt sich fest, was sich individuell und kollektiv an banger Ahnung wie an metaphysischer Heilserwartung angesammelt hat. Ob Pol- oder Bewusstseinssprung, ob Sonnenstürme oder Schwingungen: Die 2012- Szenarien sprechen dem menschlichen Treiben nur noch eine sehr begrenzte Zeitspanne zu.
Die Wissenschaft öffnet sich dem üblicherweise nicht: Weder der Bibel noch uralten Maya-Schriften, weder den vergilbten Nostradamus-Centurien noch zeitgeistigen Bestsellern à la "(R)Evolution 2012" lässt sich ein sinnfälliger Hinweis auf Unter- oder Übergänge im kommenden Jahr entnehmen. Und eine Weltverschwörung von Wissenschaftlern, Geheimdiensten und Militärs, die einen herannahenden Planeten "Nibiru" vor uns geheim hält, müsste jeden einzelnen Menschen fest im Griff haben, der weiß, wie man ein Aldi-Teleskop bedient. Das Ganze ist also extrem unwahrscheinlich - macht aber nichts.
Dem Ansehen der Brüder Grimm hat es ja auch nicht geschadet, dass nicht klar ist, wie der Wolf das Rotkäppchen verschlucken konnte, ohne es zu zerkauen. Apokalyptiker wollen verkünden, nicht diskutieren. Esoterik beruht auf Glauben, Wissenschaft auf Belegen. Und die gibt es nicht, weshalb die NASA das Endzeit-Knallbonbon "2012" zum "unrealistischsten Film" gekürt hat.
Bleibt die Frage: Warum glaubt man den Scharlatanen? Wieso war "2012" ein Kassenerfolg, weshalb hat jede Buchhandlung ihr "2012"-Regal? Ist der Weltuntergang am Ende wenig mehr als die ergötzliche Attitüde einer Gesellschaft, der die Zukunft abhanden gekommen ist? Ein kurzer Blick in den Abgrund, der ähnlich wie Horrorfilme zu Reflexion und Weltschmerz einlädt? Möglicherweise.
Und vielleicht könnte man über solche gutmeinenden Zeitgenossen wie meinen Beinahe-Wettpartner ja schmunzeln, so wie über die beiden schrägen Vögel in Loriots "Papa ante Portas", die mit Wurzelbürsten und der Mär vom anfliegenden "Venusmond Tetra" hausieren gehen. Wirklich? Bei einem meiner "2012"-Vorträge kam aus dem Publikum eine interessante Frage: "Könnte es sein, dass der Weltuntergang doch stattfindet, weil gemäß einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung eine durchgeknallte US-Präsidentin, zum Beispiel Sarah Palin, auf den roten Knopf drückt, weil es so geschrieben steht?"
Offen gesagt: Ich weiß es nicht. Ich hoffe nicht.
Mehr lesen: die Themenseite "2012" auf questico.de
Bernd Harder ist Chefreporter des "Skeptiker"-Magazins und Pressesprecher der "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften" (GWUP).
Für das Jahr 2012 werden viele Untergangsprog-
nosen dargelegt.
Diesem Hype widmet sich auch Bernd Harder in seinem Buch, welches das vermeintliche Weltende kritisch und vergnüglich betrachtet.
Bernd Harder ist Chefreporter des Magazins "Skeptiker - Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken".
Für 2012 werden verschiedene drastische Veränderungen für die Menschheit erwartet.
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